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Kostenlose Mitfahrgelegenheit

Was uns als eines der leichtesten Aktivitäten des Lebens erscheint, ist für den anderen eine Herausforderung:

Ich bewege mich mit meinem üblichen Tempo durch ein Warenhaus, schmeiße die Packung Mehl aus 10 Metern Entfernung zielgenau in meinen Einkaufswagen, die Kiste Bier wird unvorsichtig in den exakt dafür vorgesehenen Platz eingelassen, der Käse, die Salami und die Packung Kaugummi finden durch präzise und routinierte Wurf- und Einpasstechniken schnell Platz in den dafür vorbereiteten Lücken. Ein Einkaufswagen muss nicht vollends gefüllt sein, um deutlich über 100€ an der Kasse wert zu sein. (Abgesehen davon, dass ein Einkaufswagen auch nicht 1€ wert ist, den ich hoffentlich immer parat habe, wenn ich mal Platz als in einer Jutetasche ist, brauche).
Also immer frei nach dem Motto: „Rein damit und an der Kasse den Jackpot knacken“.

Wer jetzt keine Idee hat, was ich mit „wirklich Einkaufen“ meine, sollte mich mal fragen und am besten begleiten.

Aber all das hat nichts mit dem wirklich besonderen Erlebnis des Shoppens zu tun!!!

Ich befinde mich im Erdgeschoss eines zweistöckigen Einkaufsmarktes in Hannover (Süd). Direkt vor der Rolltreppe zum ersten Stockwerk, die Getränkeabteilung. Ich sehe eine charmante, ältere Dame in der Nähe, die durch ihr Zittern anscheinendes Unbehagen ausdrückt.

Mann, gibt das viele neue Getränkesorten der Cola-Company, was ist der Unterschied zwischen Fanta Citrell und Fresh Lemon? Beide klingen trocken. Genau das richtige für mich, nur welches jetzt…

Die Dame nimmt Augenkontakt auf. — Jaaa, ich weiß ich bin ein prima Schwiegersohn!

Ohh, Bonaqua hat sich auch entschlossen nicht nur billiges Tafelwasser an den Markt zu bringen, sondern auch mit perversen Mischen wie Apfel-Birne und Orange-Ananas den Kunden zu verwirren.

Die nette Dame nimmt keinen weiteren Augenkontakt zu mir auf. — Bin ich doch kein guter Schwiegersohn?
Ahaha, sie schaut dem anderen netten jungen Mann nach, der sich aber leider von ihr weg bewegt. (Ist das ihr Schwiegersohn??? – warum schaut sie ihm so verzweifelnd hinterher?)

Mit üblicher Routine die selektierten Beverate schnell in den Einkaufswagen geschmissen und auf geht’s!
Mist, ich habe die Konserven vergessen. Schnell an der Dame vorbei gehuscht und Richtung Konserven-Regal.
(Jaa, ich vermesse Supermärkte per GPS und weiß, wo die kaputten Mehlpackungen liegen und wo Reis aus den Tüten fällt).

Mit einem Produkt mehr in der Hand komme ich zurück zu meinem Wagen und wer steht da? Die nette alte Dame, immer noch zitternd mit einem Blick gen Himmel gerichtet. (Ich schätze sie verachtet unseren Konsumterror.)

Ich bekomme das Gefühl, das Fanta Citrell mit Süßstoff versetzt ist… das mag ich nicht so. Austausch: Alle Fanta Citrell gegen Fanta Fresh Lemon!

Die Dame schaut mich an, als ob ich ihr eine Erklärung schuldig wäre.

OK, jetzt noch mal schnell nach oben und Toilettenpapier, Geschirrspüler und Glasrein kaufen gehen.
Achso, ich brauche auch noch Waschmittel (das gibt’s im ersten Stockwerk).

Die nächsten Sekunden kommen mir vor wie Stunden.

Schnell auf die Rolltreppe (den Einkaufswagen unten gelassen)…
Als ich ca. 2 Meter vor der Rolltreppe bin höre ich in meinem Unterbewusstsein die Worte:

„Darf ich mitfahren?“

Als ich 2 Meter auf der Rolltreppe gefahren bin und immer noch nachdenke, aus welchem Film dieses Zitat kommen mag, drehe ich mich unweigerlich um und sehe in zwei ängstliche Augen. (Die Welt geht jetzt unter!)

Die Dame steht ca. einen Meter vor der Rolltreppe auf sicherem Boden und bittet mich sie mitzunehmen. (Das sagen jetzt ihre Augen).
Sportlich wie ich bin sprinte ich gegen die Laufrichtung hinunter und stehe neben ihr.
„Natürlich,… müssen Sie auch nach oben?“
„Ja, ich fahre ungern alleine (nuschelnd: auf der Treppe)“

Also als Ex-Zivi leicht gemacht, ärmel ich die Frau ein und nehme sie mit.
Erstaunlich wie schnell sich zwei verbundene Objekte voneinander entfernen können denke ich und sehe, wie ich schon wieder auf der Rolltreppe bin, während sie immer noch vor der Schwelle steht und wieder diese angsterfüllten Augen macht. —> Schnell, zieh sie an dich ran, denke ich mir.

Und wunderbar, mit einem „Abschleppmanöver“ steht sie neben mir und die angsterfüllten Augen wechseln in ein erfreutes Lächeln.

Ende gut, alles gut, denke ich mir. Da konnte ich mal wem helfen. Die Gespräche auf der Treppe sind soo herzlich und nett. Schöön!!!

Während wir so dahin fahren sehe ich, wie sich ihre Augen weiten und wieder dieses ängstliche, verzweifelnde darin hervortritt.

Mist, in 10 Sekunden ist ja wieder Termin! Das Ende der Rolltreppe nähert sich uns und mit jedem Millimeter des Näherns verändert sich ihr Gesichtsausdruck. (Wir sind bei „Apokalypse“ in ca. einem Meter Entfernung).

Ich lerne aus meinen Erfahrungen, schaue sie an und sage: „alles wird gut!“ – springe auf festen Grund und ziehe sie zu mir!

Wir sind beide heil und gesund im 1. OG angekommen. Sie bedankt sich und ich gehe meinem weiteren Einkauf nach.

Ich finde mühselig die vorhin genannten Produkte und bewege mich in Richtung Rolltreppe.

Doch, wer steht da? Dort steht der reinkarnierte Weltuntergang vor der Rolltreppe nach unten.
Mir geht durch den Kopf warum das Zittern nicht das obere Stockwerk in Staub zerfallen lässt.

Passend zu meinem „Speed-Shopping-System“ renne ich an der Dame vorbei, die Rolltreppe runter und frage mich, ob die Pfadfinder meinten, NUR EINE gute Tat am Tag sei nötig, ob mehrere dann wieder schlecht für einen sind und ob der Weltuntergang als erstes in einem Kaufhaus stattfinden wird. Achso, und natürlich frage ich mich auch, ob die GVH nicht Fahrscheine dort verkaufen könnte, oder ob sich die Ordnungsämter da einschalten werden um Rolltreppen-Führerscheine zur Pflicht zu machen.

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